In Hamburg und darüber hinaus kennt man sie: die Reeperbahn. Doch wie viele kennen sie wirklich? Einige der eingefleischten Kiezgänger haben sie sicherlich schon bemerkt, die Seitenstraße hinter der Großen Freiheit, die Schmuckstraße, den kleinen, unbeleuchteten, schummerigen Pfad. Noch in heiterer Partylaune wirkt man ein wenig angespannt, wenn man auf dem Weg billigen Alkohol zu kaufen in die Schmuckstraße einbiegt. Hastig und dicht an die Häuser gedrängt laufen die meisten mit gesenktem Kopf in Richtung „Supermarkt an der Ecke Hamburger Berg“. In der Hoffnung unauffällig zu sein, von niemandem bemerkt zu werden, passiert es mir: „Hola linda chica!“ Irritiert blicke ich auf und bemerke die zwei Meter große Gestalt in knappen Fummel. Eine von den Transsexuellen der Schmuckstraße. Aus Angst und Respekt gehe ich schnell weiter und biege wieder ab, in den Supermarkt. Geschafft!
Seit meinen ersten Erfahrungen in der Schmuckstraße sind sie mir nicht geheuer, die großen Frauen, auf der Suche nach Freiern. Dort endet also meine Toleranz und meine Offenheit, dort in der Schmuckstraße. Das habe ich bis heute so hingenommen, niemand ist frei von Fehlern. Doch heute hat sich mein Bild von den Transsexuellen in der Schmuckstraße geändert.
Der Film beginnt mit der vertrauten Szenerie der Schmuckstraße bei Nacht. Ein Taxi fährt vor, die Tür geht auf, geschmeidig winden sich ein Paar Beine aus dem Innenraum. Ich habe das Gefühl direkt vor Ort zu sein, das schummerige Gefühl kommt auf. Doch der Kopf bleibt oben, von Neugier getrieben und in der Gewissheit, dass ich gerade in einem gut gefüllten Raum im „Projektor“ sitze.
Volle Lippen; eine wuchtige Hand mit überlangen, künstlichen Fingernägeln fährt mit einem Pinsel an den Lippen vorbei, sie glänzen. Die Kamera schwenkt in die Totale und nun sieht man sie, die große Frau mit den Silikonbrüsten, lässig sitzt sie vor einem Spiegel, die Beine übereinander geschlagen und sie beginnt zu erzählen, auf Spanisch. Die deutschen Untertitel geben Einblick in diese mir fremde Sprache und dem Gesprochenem. Ich Erfahre mehr, ich erfahre von den Träumen der jungen und alten Frauen, sie alle eint die Hoffnung auf ein besseres Leben fernab von Familie und Heimat. Sie hassen ihren Job. „Wenn du Geld hast bist du ein König, wenn du keines hast bist du ein Niemand.“ Und auf der Leinwand sehe ich keine Niemande, sondern Könige oder Königinnen; wie man es nimmt. Aussehen ist ihr Kapital, ihre Versicherung.
In der nächsten Szene sieht man eine von Ihnen am Küchentisch sitzen, in den Annoncen der hiesigen Zeitung blätternd, hin und wieder wandert der Kugelschreiber auf die Zeitung, um vielversprechendes zu markieren. Kurzerhand wird sich eine Zigarette angesteckt, der blaue Dunst füllt den Raum. Sie erzählt davon wie es ist Transsexuell zu sein. Als Frau sieht sie sich nicht, auch nicht als Mann, sie sieht sich vielmehr als ein mythologisches Wesen, zwischen den Welten und Geschlechtern. Sie ist Stolz, nicht jeder hat das Potential so auszusehen und dabei noch ein kleines Extra zu haben. Man merkt, dass sie ihr Leben nimmt, wie es ist, sie ist heiter und selbstironisch. Wie weggefegt ist mein anfängliches Misstrauen gegenüber diesen Gestalten, ich beginne sie als sympathische Personen wahrzunehmen. Die Zuschauer, darunter Ich, werden während der 70 Minuten immer weiter in den Alltag der Transsexuellen aus Lateinamerika auf dem Hamburger Kiez mitgenommen, wir erfahren von den Träumen einiger von Ihnen, die Laufstege der ganz großen Designer zu erobern oder von den Wünschen nach der deutschen Staatsbürgerschaft, denn schließlich haben sie „Deutschland so viel gegeben“, dass sie nun auch etwas zurückverlangen können und dies ist nicht mehr oder weniger als ein Leben in der Normalität.
Diese ganze Welt beginnt sich im Laufe des Filmes zu entzaubern und ich rücke meiner Heimat, Hamburg, ein Stückchen näher, ich beginne zu verstehen. Denn es ist das Verständnis, dass mir fehlte, das Verständnis, dass mich auch dort in der Schmuckstraße tolerant und offen sein lässt und ich bin dankbar, dass sich endlich jemand diesem hanseatischen Kleinod angenommen hat und uns in die Schmuckstraße noch einmal entführt; oder besser gesagt: geführt hat.
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